Wie alles begann:
Am Sonntagmorgen lassen wir – wie immer – die Hunde in unseren Garten. Es ist ein großer Garten, daneben und dahinter liegt eine kleine Apfelbaumwiese. An diese Wiese schließt sich direkt der Wald an. Wir wohnen in einem der letzten Häuser am Rand einer kleinen Stadt, mitten in einem großen Naturschutzgebiet. Eine wunderschöne Gegend mit einer großen Vielfalt an Wildtieren.
Zur Fütterungszeit der Hunde fällt uns auf, dass ein paar fehlen. Ausgerechnet die zwei größten Vielfraße stehen nicht bereit, wenn die Näpfe verteilt werden. Das ist seltsam – wenn die auf ihr Frühstück verzichten, muss wirklich etwas Außergewöhnliches passiert sein. Mein Mann geht in den Garten und ruft mich mit leicht panischer Stimme: „Komm schnell, da liegt ein verletztes Reh im Garten!“
Sagen wir’s mal so: Tiere sind eher mein Ding, mein Mann hat andere Qualitäten.

Tatsächlich lag ein Hirsch im Garten – kein Reh, sondern ein richtig großer weiblicher Hirsch. “Verletzt” war dabei noch milde ausgedrückt … Der Hirsch war etwa zur Hälfte aufgefressen und (zum Glück) bereits tot. Gut … und jetzt? Die Hunde schnell ins Haus – und da ich selbst auch keine Erfahrung mit so etwas habe, rief ich bei der örtlichen Polizei an, um zu fragen, was ich tun soll und wen man am besten verständigt.
„Ein was liegt im Garten? Oh … okay … ja, wir kommen …“
Zehn Minuten später klingelte das Telefon. „Wir kommen doch nicht, der Jagdaufseher übernimmt.“
Kurz darauf fuhren die Jagdaufseher vor. Erst noch mit einem Scherz: „Sie sind sich sicher, dass es kein Reh ist?“
Doch, Herr und Frau Jagdaufseher, es ist wirklich ein Hirsch – und er ist halb aufgefressen. Man sah ihnen an, dass sie dachten: „Na ja, so schlimm wird’s schon nicht sein …“
Doch je näher sie kamen, desto größer wurden ihre Augen – und ihre Überraschung. „Meine Güte … so haben wir das auch noch nicht gesehen.“
Schweigend betrachteten sie das Tier. Sie wollten keine klare Aussage treffen und waren sehr vorsichtig mit dem, was sie sagten. Im Nachhinein verständlich – die Diskussion über Wölfe ist in der Region ziemlich aufgeheizt. Aber so weit war ich in dem Moment noch nicht, um das zu begreifen.
Die Schlussfolgerung war: Es war zu viel Hirsch verschwunden, als dass ein einzelnes Tier das gefressen haben konnte. Die Beute sei eigentlich zu groß für einen Luchs. Vorsichtig fragte ich, ob es ein Wolf gewesen sein könnte. Ja, das sei durchaus möglich – aber sicher wisse man es nicht. Doch auch für einen einzelnen Wolf sei sehr viel gefressen worden. Eine DNA-Probe war leider nicht mehr möglich: Unsere Hunde waren im Garten gewesen, hatten den Hirsch beschnuppert, vermutlich auch beleckt und sogar Mageninhalt gefressen. Einer der Hunde sah den ganzen Tag äußerst zufrieden aus – und stieß gelegentlich ein Bäuerchen aus, das nach Hirschmageninhalt roch.

Wir haben uns in dem Moment entschieden, den Kadaver ein Stück zu versetzen. Wir konnten ihn nicht einfach liegen lassen – sonst hätten wir die Hunde nicht mehr in den Garten lassen können. Und mal ehrlich: Einen verwesenden Hirsch möchte man auch nicht direkt am Haus haben. Also haben wir das Tier auf die Wiese neben unserem Haus gebracht und eine Wildkamera aufgestellt, um zu sehen, ob der Täter vielleicht zurückkehren würde.
In den folgenden drei Tagen kam allerlei Wild vorbei – aber kein großes Raubtier, das als Verursacher infrage gekommen wäre. Füchse bedienten sich an den Resten, Wildschweine kamen neugierig vorbei.
Am dritten Tag war der Gestank so überwältigend, dass es wirklich nicht mehr auszuhalten war. Unser Nachbar meinte: „Tolles Projekt, aber der Gestank ist echt unerträglich.“
Also beschlossen wir, den Kadaver an den Waldrand weiter entfernt zu bringen, damit die Natur dort in Ruhe ihre Arbeit machen konnte.
Die Kamera ließen wir hängen, um weiter zu beobachten. Was folgte, war eine faszinierende Reise durch die Wildnis.